Geschichten
Ob Beratung, Prozessbegleitung, Coaching – die Arbeit entfaltet sich im Raum der einzigartigen Begegnung und Beziehung derjenigen Menschen, die sich im gemeinsamen Moment den gleichen Fragen zuwenden. Gerne erzähle ich deshalb drei Geschichten, in denen sich Werte und Wege von mir spiegeln.
Sorumlu
Sorumlu – wohl nicht ein Wort, das Sie hier erwarten. Auch mich hat das Wort überrascht, als es mir das erste Mal begegnete – es war in einer Türkisch Stunde. Sorumlu. Der Klang berührte und freute mich unmittelbar. Deutsch übersetzt heisst das Wort “Verantwortung”, wörtlich übersetzt heisst es jedoch ” mit der Frage”, “mit einer Frage”.
Die Benennung dessen, was wir als “Ver ANTWORT ung” bezeichnen, “mit der FRAGE” zu erfassen, bewegte mich tief. In Verantwortung einen Weg zu gestalten heisst also mit einer Frage unterwegs sein. Darin schwingen Offenheit, Interesse, den Mut des Nichtwissens, Respekt, Beziehung, die Möglichkeit von Veränderung und Entwicklung, Bewegung, Hoffnung hin zum Guten.
“And if you get stuck, enjoy it”
Dieser Satz drang an mein Ohr, als ich in einem Tanzworkshop unendlich l a n g s a m e n d l o s fliessend auf dem Boden bewegen sollte. Ich hatte mich in eine derart verquere Position “geflossen”, dass es mir unmöglich schien, daraus hinauszukommen ohne eine abrupte Bewegung zu machen.
“And if you get stuck, enjoy it”, hörte ich die Lehrerin, Takashi Koma Otake, sagen. Der Satz schien mir fast zynisch. Ich ergab mich trotzig darin: wenn sie meint, dann geniesse ich die quere Lage!
Was dann geschah, war überraschend und beglückend zugleich. Mein Körper bewegte sich in weicher Leichtigkeit w u n d e r b a r l a n g s a m f l i e s s e n d aus der Pattsituation heraus, wie ich es bewusst nie gekonnt, geschweige denn hätte erdenken können.
Wirtschaft und Tanz
Nach dem Studium der Agrarwirtschaft arbeitete ich an der ETH Zürich. Es ging um die Finanzierung interdisziplinärer Forschungsprojekte. Das war ein Anliegen mit Pioniercharakter, kam aber innerhalb des institutionellen Rahmens nur stockend voran – zu stockend für meine damaligen Vorstellung. Ich wollte Dinge bewegen und stiess stattdessen auf hartnäckigen Widerstand.
Kurzum entschied ich mich, selber in Bewegung zu kommen. Ich kündigte und begann aus dem Nichts zu tanzen. Ein paar Monate später reiste ich nach New York. In der ersten Woche joggte ich im Centralpark und wurde von einem athletischen jungen Mann eingeholt. Er hielt einen Moment mein Tempo und wollte wissen, was ich in N.Y. mache. Ich sagte “ich tanze” und erschrak über meinen Mut. Er meinte, er auch. Ich erschrak noch mehr und schob nach, ich wäre Agrarökonomin. Er erwiderte, ich bin Arzt.
Da hörte ich mich sagen: “irgendwann kommen Wirtschaft und Bewegung in meinem Leben zusammen”. Eine grosse Freude stieg in mir auf. Heute, 25 Jahre später, ist es noch immer das Thema, das mich zutiefst berührt und interessiert.
«Alles hat seine Zeit»